Porki #46 und die falsche Bundesstraße

2021-05-29, Samstagnachmittag

Aufgrund von wiederholten Misserfolgen beim Reparieren der Primärfamilienkutsche, steht zur Zeit ein Leihwagen der Citroën-Vertragswerkstatt bei uns vor der Tür. Mein Bruder urteilte über dieses Auto nach kurzer Fahrt unverblümt „Einwegauto“. Ich sehe aber endlich mal wieder die Chance in der Gegend herumzugurken, ohne den Kilometerzähler von einem unserer eigenen Autos zu belasten. Im Ersatzwagen fällt auch sofort auf, dass die Türverkleidung tatsächlich nach Pappe klingt, wenn man draufklopft und das Lenkrad mutet an, wie aus einem Lieferwagen geklaut. Schmuckloses Hartplastik dominiert nicht nur das wichtige Steuerelement, sondern findet sich im gesamten Innenraum wieder. Die kurze Internetrecherche bestätigt, der Citroën C-Elysée ist eigentlich nicht für den europäischen Markt bestimmt und genau so fühlt sich Innenraum und Ausstattung auch an. Egal. Beggars can’t be choosers. Der Mechaniker hat die Schlüssel ohne Unterschriften und ohne Hinweis auf Kilometerbeschränkungen ausgehändigt, also sollte ich die Chance auch nutzen.

Nach längerem Herumgesuche in Google Maps nach interessanten Foto-Motiven – nach Gebäuden, Landschaften und Aussichten ist der Entschluss gefasst in Richtung Osten die Ruhr entlang zu fahren. Auf wilde, ungezähmte und von Leben durchsetzte Auenlandschaften zu stoßen, glaube ich nicht, auch, wenn ich genau das im Kopf hab. Sicherlich gibt es einige solcher Stellen. Diese im Vorbeifahren aus dem Auto zu entdecken, ist aber sicherlich ganz unwahrscheinlich. Im schlimmsten Fall kenne ich die Landstraßen entlang der Ruhr ein bisschen besser.

Ich fahre Richtung Kemnader See, aus Lust auf Beschleunigung und Geschwindigkeit ein kurzes Stück über die Autobahn, dann direkt wieder runter an der nächsten Abfahrt. Die erste Bedingung ist erfüllt, von hier aus geht es an der Ruhr entlang. Bis Wetter bin ich hier schonmal langefahren. Vorbei geht es am Edelstahlwerk in Witten, ein Objekt, das mich stark reizen würde, wenn man denn nur reinkommen würde. Den Abzweig zum Hohenstein mit Bergerdenkmal links liegen lassend und unterm Ruhrtalviadukt hindurch (PORKI #11), geht es weiter Richtung Osten. In Hagen fallen mir Bahngleise neben der Straße auf. Die Ruhr wurde gerade überquert und mir wird klar, der Rangierbahnhof Hagen-Vorhalle ist ganz in der Nähe. Gesucht – Gefunden! Diesmal intelligenter geparkt, bietet sich aber ein ganz ähnliches Bild, wie beim letzten Besuch (PORKI #19). Die Nachmittagssonne steht viel zu unbarmherzig, die Oberleitungen stören und sowieso gibt es genau drei Perspektiven, aus denen man Fotos machen kann: Mittig auf der Brücke, von links und von rechts. Dafür ackert sich gerade eine V90 im Rangierdienst ab und die Gleise sind insgesamt deutlich voller. Beides bewegt leider nur den Eisenbahnfreund in mir, nicht den Fotografiefreund. Ein älterer Herr mit Kamera steht ebenfalls auf der Brücke, sichtlich am Geschehen unter uns auf den Gleisen interessiert, hat aber nicht den Anstand einen anerkennenden Blick meinerseits zu erwidern. Nach einigen hoffnungslosen Fotos (man hat sich ja immerhin die Mühe gemacht und ist ausgestiegen) geht es weiter.

Eine zweite Ampel vor der Kreuzung, die offenbar nur dazu da ist, Bussen die Abfahrt aus der Haltebucht zu ermöglichen, gewinnt meine Aufmerksamkeit zu spät. Ich sehe noch, wie sie von Gelb auf Rot umspringt und trete kräftig in die Bremse. Die Blockiergrenze wird erreicht, das ABS arbeitet. Ich komme auf der leeren Straße noch vor der Haltelinie zum stehen. Wäre der Schreck nicht gewesen, hätte ich die Ampel wohl lieber bei knappem Kirschgrün durchfahren. Die erbarmungslose Trägheit hat das Handy vom Beifahrersitz geworfen. Per einhändiger, halbherziger Suche während der roten Ampelphase, lässt sich das Mobilgerät nicht wieder auffinden. Die Angst kommt auf, das Gerät könnte in den Tiefen irgendwelcher Verkleidungsteile des China-Citroëns verschluckt worden sein. Die Panik wächst und ich fahre bei der nächsten Möglichkeit rechts ran. Nachdem das Rumgefinger in den Ritzen des Beifahrerfußraums nur die Hände verölt hat und nicht den vermissten Gegenstand zum Vorschein bringt, bleibt eine letzte Hoffnung. Den offensichtlichsten Ort hätte man eventuell auch zuerst prüfen können: Ein Griff unter die Fußmatte und die Welt ist wieder in Ordnung. Das Handy muss nach vorne geschossen und sich dann sofort in die entgegengesetzte Richtung unter das schützende Teppichstück geschoben haben.

Die Reise gen Osten kann fortgesetzt werden.

Die Straßenführung in Hagen-Mitte überfordert mich kurz, sodass eine extra Runde durch die Hagener Innenstadt gedreht wird. Ich glaube den Weg wiedergefunden zu haben, was sich aber bald als falsch herausstellen soll. Irgendwo hier entferne ich mich unwissend von der Ruhr und meinem eigentlichen Plan und folge stattdessen der Volme über die B54.

Schließlich zweigt eine Straße den Berg hoch ab mitsamt „Verbot für alle Krafträder“. Ich wittere Hoffnung auf eine gute Aussicht und eine kurvenreiche, malerische Straße, sonst wären Motorräder ja erlaubt, oder? Die Straße ist zwar kurvenreich aber wenig fotogen. Sie entpuppt sich außerdem als der Weg nach Breckerfeld und öffentliche Rallye-Strecke für die Ortsansässigen. Irgendwas aus der Vergangenheit verbindet mich mit Breckerfeld – mir fällt es beim besten Willen nicht ein. Auch der Ortskern kommt mir gänzlich fremd vor. Genauso wenig wie auf der Straße, findet sich auch in Breckerfeld nichts, was mich die Kamera aus dem blechernen Kofferraum holen lässt. Gleicher Weg zurück. Einige Kurven unterhalb von Breckerfeld ist ein großzügiger Parkplatz, den ich auch ansteuere. Irgendeinen Zweck muss es dafür ja geben. Falsch gedacht. Keine Wanderwege, keine Fußwege, keine Aussicht. Allerdings ist das lockende Plätschern eines Wasserlaufs zu hören. Ich überquere den Geräuschen nach die Straße, mit viel Vorsicht niemandem blutig die Bestzeit im Breckerfelder-Hillclimb zu ruinieren. Hinter ein paar Büschen findet sich auch der Bachlauf. Mitten auf irgendeiner herrenlosen Wiese ist das Rinnsal aber jetzt aus unerfindlichen Gründen gnadenlos kanalisiert worden. Wieder kein Foto. Zurück ins Volmetal mit dem Gedanken aufzugeben und dem nächste Autobahnwegweiser mit der vertrauten blauen „45“ nach Hause zu folgen.

Der Weg zur Autobahn ist länger als erwartet, Zweifel kommen auf, ob nicht doch lieber Gottvater Google konsultiert werden sollte. Doch der Weg entpuppt sich als das wahre Ziel der Reise. Die Straße durch die Ortschaft Spormecke bietet eine tolle Aussicht. Die Sonne steht inzwischen tief und hüllt alles in ein goldenes Licht. In der Ferne ist es leicht dunstig. Ein einsamer Baum auf einer perfekten grünen Wiese sticht heraus. Das will ich jetzt fotografieren, Stacheldrahtzaun hin oder her! Praktischerweise findet sich auch schnell ein Parkplatz, offenbar Ausganspunkt für einige Wandertouren. Die Dorfjugend hat sich diesen Parkplatz als geeigneten Standpunkt ausgesucht, um in Vatis Firmen-Audi laut Rapmusik zu hören. Im Vorbeigehen werde ich von grimmigen Blicken durchbohrt.

Die kurvige Straße mit den vereinzelten Bäumen weckt bei mir die Vorstellung von „Spritztouren“ oder „Sonntagsfahrten“. Nicht unbedingt mit dem China-Citroën, aber eines schönen Tages im Range Rover oder „Jaaaag“ und in guter Gesellschaft aus der Stadt rausfahren, nicht über Autobahnen, sondern über Landstraßen durch Wald und Wiesen und Berg und Tal und bei guter Musik oder angeregter Unterhaltung, nicht unbedingt mit dem Ziel irgendwo anzukommen. Sicherlich aber zwischendurch in einem Café mit schönem Ausblick oder unter raschelndem Eichenlaub einen Kaffee trinken und Kuchen essen, während sanfte Brisen die Mittagshitze vergessen lassen. Macht der anständige Bürger sowas noch?

Ich vermute, so etwas gehört eher in die Zeit, als Individualmobilität noch nicht lange Selbstverständlichkeit war, man die Freiheit, die das Auto bringt noch feiern wollte und für 37 Deutsche Mark den stolzen Benz vollgetankt hat, die Familie in der guten Sonntagskluft in den Wagen geladen hat und dann immer am gleichen Ort ein Stück Bienenstich gegessen hat. Ganz so viel Pathos bräuchte ich dann doch nicht. Ich glaube mich zu erinnern einmal mit den Großeltern aus Wuppertal an so einem Ort gewesen zu sein. Als Kind fand ich das aber natürlich eher langweilig.

Jetzt erkenne ich den Reiz doch ein wenig, obwohl es doch so bieder ist.

Zurück zum eigentlichen Thema…

Solche Aussichten machen mir immer Lust auf die Ferne. In diesen beiden Fällen ist es eine sehr nahe gelegene Ferne, aber trotzdem will ein kleiner Teil von mir immer zu „den Häusern“ oder „den Windrädern“ und erleben wie sich die Ansicht vom Nahen wohl von der Erwartung aus der Ferne unterscheidet. Gleichzeitig ist es auch der Wunsch zu sehen wie es „hinterm Horizont“ aussieht. Es ist sicherlich auch ein bisschen kindliche Neugierde. In den meisten Fällen ist es wohl Zeit und Aufwand nicht Wert. In den letzten regulären Schuljahren sind wir in den Freistunden öfters in den Supermarkt, um dann mit Brötchen und Mett im Gepäck zum Golfplatz in Bochum-Stiepel zu fahren und die eher mäßige Aussicht auf den Kemander See und Witten zu genießen. Auch da sieht man am Horizont Windräder. Irgendwann hatte ich es mir zum Ziel gemacht, diese Windräder zu finden und hab mich mit meinem Motorrad auf die Suche gemacht, obwohl es sicherlich mehr eine Ausrede vor mir selber war, um sinnlos in der Gegend rumzufahren, als tatsächlich unbedingt wissen zu wollen, wie diese Fluchtpunkte mit 10m, statt 10km Abstand aussehen. Am vermeintlichen Ziel angekommen, war es damals trotzdem ein Gefühl das gesetzte Ziel erfüllt zu haben. In Videospielen gibt man eher zu, diesen Drang zu haben: Wo sind die Levelgrenzen, kann man die Berge am Horizont besteigen und was ist nur Teil der Skybox oder unerreichbarer, niedrig detaillierter Hintergrund? Alle wollen eine möglichst große Spielwelt erkunden.

Freistunde am Golfplatz, Februar 2014

Bei diesem Motiv vom „einsamen Baum auf grüner Wiese“ reizt mich einfach die Ästhetik, ohne dass ich diesen Reiz an irgendwelchen Assoziationen festmachen kann. Oftmals habe ich bei solchen Ansichten das Gefühl es sei zu „abgedroschen“ um den Auslöser zu drücken. Ein ähnliches Motiv habe ich auch schon in einem Video von einem der YouTube-Fotografen schon gesehen, bei denen ich ab und an in die Videos reinschaue. Nicht nur beim Hobbyfotografen findet man solche Bilder. Spontan fällt mir auch eine Szene aus Forrest Gump ein. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, spielt der junge Forrest mit seiner Freundin unter so einem Baum auf der grünen Wiese und beerdigt sie zuletzt auch dort. Vielleicht ist es auch der lange Weg, der mich hierher geführt hat, der das Bild für mich dann doch möglich macht.



Zufrieden, dass doch noch Fotos, die gefallen und nicht nur die betörende Erfahrung der Landstraßen im Raum Breckerfeld das Resultat der Tour sind, geht es weiter Richtung Autobahn. Auf der Fahrt zurück Richtung Westen verschwindet die Sonne, die durch den Dunst ein geometrisch strenger, roter Kreis geworden ist, jetzt endgültig hinterm Horizont.

Aus Spaß muss jetzt für den gelungenen Abschluss noch der fremde Wagen ausgefahren werden. Die Höchstgeschwindigkeit des schlichten Citroëns wird nach mehreren, durch Baustellen unterbrochenen Tests schließlich auch erreicht, allerdings erst auf der A44. Der schon bei 1500u/min wütend klingende Motor drückt – zu meiner Überraschung – den Wagen auch bergauf mit ca. 170km/h voran. Fast wieder zu Hause angekommen kommt mir die Idee den Wagen noch meinem Ritual für neue Fahrzeuge unterziehen, auch wenn es nur ein Leihwagen ist. Es geht die Uni-Straße hoch, statt durch das Uni-Center-Parkhaus in Richtung Zuhause geht es unter Straße und Stadtbahnschienen hindurch ins Uni-Parkhaus. Der Bau aus den 60ern trägt die Zentralachse der Universität und ist ein langer Schlauch, der in Stufen bergab führt. Unten angekommen wechselt man die Seite und fährt die gleichen Stufen wieder hinauf. Durch den hohen Steigungsgrad macht die Beschleunigung besonders Spaß. Diesmal ist jedoch auf der Hälfte Schluss, eine Baustelle versperrt den Weg. Egal, das Ritual ist erfüllt und es geht nach Hause. Damit ist die Chance des Leihwagens jetzt auch genug ausgenutzt worden.

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