
I – Die Randnotiz
Auf der Suche nach spannenden Bauten in Düsseldorf stand die Bunkerkirche zunächst nur als Eventualität auf meiner Liste. Nachdem wir drei Ziele abgearbeitet hatten, lag die Bunkerkirche schlicht und einfach noch auf dem Weg.
Angekommen, ausgestiegen; Der erste Eindruck? Ernüchternd. Der Blick auf das Gebäude wird aus allen Richtungen massiv eingeschränkt durch Schilder, Straßenbahnoberleitungen (im Bild retuschiert), Bauzäune und zu allem Überfluss auch noch einem Baustellenklo! Man muss eine Weile suchen, um eine Perspektive zu finden, aus der man das doch recht große Gebilde in seiner Gesamtheit wahrnehen kann, wie als hätte man ständig Haare im Gesicht. Beim kurzen Überfliegen des Wikipedia-Artikels zuvor hatte ich mir (fälschlicherweise) gemerkt „katholische Gemeinde St. Sakrament“, vor der Doppeltür angekommen wurden wir jedoch von einem Schild „koptisch-orthodoxe Gemeinde St. Maria“ begrüßt. Ich hatte mich fest darauf eingestellt, dass wir eine menschenleere Kirche mit Weihwasserbecken vorfinden (dann hätte ich auch low key damit flexen können, dass ich weiß, wie der Ritus mit dem Weihwasserbecken funktioniert), stattdessen stehen wir plötzlich inmitten einer sehr lebhaften koptischen Gemeinde. Jetzt irgendwelche idiotischen Fotos machen wäre ganz und gar nicht angebracht. Kinder rennen durch die Gegend Eltern machen Fotos von ihnen und wir müssen sehr verloren ausgesehen haben, weil nach kürzester Zeit schon ein orthodoxer Priester vor uns stand und uns fragte, wie er uns helfen könne. In einem kurzen, aber sehr netten Gespräch erklären wir, dass wir architekturinteressiert sind. Die Frage nach der Konfession, auf die ich selbstbewusst mit „katholisch“ reagieren kann, ermutigt den Priester uns eine knappe Zusammenfassung der Geschichte des Gebäudes zu geben, inklusive dem Fakt, dass die katholische Kirche St. Sakrament eben zur koptischen Kirche St. Maria umgewidmet wurde. In diesem Moment muss ich auch realisieren, dass meine anfängliche Enttäuschung doch sehr daneben war und es doch etwas sehr wünschenswertes ist, dass das Gebäude weiterhin als Kirche seinen Zweck erfüllen darf und dass es auch besser ist, wenn sich Menschen wieder daran erfreuen können, (was bei den spielenden Kindern offensichtlich der Fall war,) als, dass eine (vermutlich leider im wahrsten Sinne des Wortes) ausgestorbene katholische Gemeinde krampfhaft daran festhält. Nachdem ich diese Erkenntnis äußern kann und wir uns für das Gespräch bedanken stehen wir wieder auf dem trostlosen Parkplatz. Dafür fällt mir aber jetzt der andersfarbige Beton um die Fensteröffnungen auf.

Die im Ortbeton verewigte, eindeutig zu erkennende Maserung der hölzernen Schalbretter lässt mein brutalistisches Herz erneut höherschlagen. Wunderbar amateurhaft unregelmäßig wirken die Fugen, an denen der flüssige Beton zwischen die Bretter geflossen ist; kalt und ehrlich. Auch die Kiesnester erzählen von der hastigen Bauweise des Objekts. Ohne Putz, ohne Schminke, ohne Retusche offenbart die Fensteröffnung diesen Teil ihrer Entstehungsgeschichte. Die Form der „Löcher“, die eigentlichen Fenster, lösen in mir Unbehagen aus, wirken wie die Öffnungen eines Insektennestes, was das Gesamtbild aber für mich doch eher noch faszinierender macht. Obwohl sich die Fensteröffnungen mit ihrem hellen Beton farblich so eindeutig vom restlichen Gebäude abheben, passt es doch irgendwie. Der Bunker, der als dringlicher Zweckbau errichtet wurde, wurde genau so zweckmäßig zu etwas Neuem. Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem ich trotz der widrigen örtlichen Gegebenheiten von dem Betonklotz begeistert bin. Ein paar hoffnungslose Versuche, Blickwinkel ohne unendlich störende Hindernisse zu finden später, fahren wir wieder Richtung Heimat. Doch mein Interesse ist geweckt.
Die Bunkerkirche entpuppt sich während meiner Recherche auch als höchst geschichtsträchtiges Objekt. Sie ist, wie vermutlich wenig andere Kirchen, auf ewig mit ihrem langjährigen Pfarrer Carl Klinkhammer verbunden, ohne den die Bunkerkirche nicht existieren würde. Die gesamte Biografie dieses Klinkhammers ist fesselnd, wirkt fast wie aus Hollywood: Eine Biografie des 20. Jahrhunderts und doch ein Leben geprägt durch einen eisernen Glauben an das Gute, selbst im Angesicht von Tod und Verfolgung durch die Nazis, der erste von den Nazis verhaftete katholische Pfarrer, alleingelassen durch die eigene Kirche und trotzdem 52 Jahre später, bis zu seinem Tod 1997 seinem Glauben, dem Allgemeinwohl und der Kirche verschrieben. Eines Tages wird sich hier hoffentlich ein Link befinden der zu meiner vollständigen Zusammenfassung der Biografie „Carl Klinkhammer – Ruhrkaplan, Sanitätssoldat und Bunkerpastor, 1903 – 1997“ führt, welche aber noch WIP ist, im Folgenden dafür aber schon:
II – Auszug über die Bunkerkirche aus meiner Zusammenfassung der Biografie Carl Klinkhammers:
„Ruhrkaplan, Sanitätssoldat und Bunkerpastor„
1946 beginnt für den „Ruhrkaplan“ und Sanitätssoldaten Carl Klinkhammer der dritte Lebensabschnitt.
Nach Krieg und Gefangenschaft findet sich der 43-jährige Klinkhammer in Bonn wieder. Nach dem Tod des dortigen Pfarrers Hinsenkamp erbt er als dienstältester Kaplan die Bonner Münsterpfarrei. Doch Klinkhammer sollte kein langweiliges Leben beschert sein. Die Kollektivschuldkampagne der Alliierten unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg musste unausweichlich auf Klinkhammer stoßen, der als Widerstandskämpfer zweifelsfrei schuldlos war und auch vom Widerstand anderer katholischer Pfarrer wusste. Seine Predigten passten nicht ins Narrativ der Besatzungsmacht und nachdem er im Gottesdienst dazu aufrief den Dreikönigstag wie gewöhnlich als Feiertag zu begehen, entgegen den Weisungen der Administration, war der Bogen überspannt. Von der Polizei genötigt – „‚Dann bin ich also verhaftet?‘ – ‚Wie Sie es nehmen wollen!‘“ – musste Klinkhammer beim Stadtkommandanten erscheinen. Der Kommandant, in dem Glauben auf einen Verbrecher zu treffen, war nicht darauf vorbereitet stattdessen einen Widerstandskämpfer zu empfangen und hörte Klinkhammers berichten von seiner Zeit in Haft und von seinen Predigten gegen den Nationalsozialismus höflich zu. Wie die Jahre zuvor prangerte Klinkhammer in seinen Predigten Unrecht an, wo er es sah. Im kalten Winter 1946/47 feuerte ein belgischer Besatzungssoldat ohne Warnung auf einen Familienvater beim Kohleklau. Klinkhammer leistete dem tödlich verwundeten seinen priesterlichen Beistand und sprach mit den hinterbliebenen Halbwaisen. In seiner nächsten Predigt feuerte Klinhammer zurück: „Wer heute noch mit der Waffe auf Menschen zielt und schießt, der ist ein Mörder. Der Krieg ist vorbei, und der Mord ist am letzten Sonntagabend in unserer Pfarrei an der Eisenbahn beim sogenannten ‚Kohlenklau‘ geschehen. Ich protestiere dagegen!“. Kurz darauf wurde Klinkhammer vom Generalvikar vorgeladen. Klinkhammer war durch sein unbeirrtes, konfliktreiches Anprangern von Unrecht jeglicher Art zu lästig geworden. Er wurde „wegbefördert“, zum Pfarrer von Düsseldorf-Heerdt ernannt. Auf seine Frage „Ist da eine Kirche?“ entgegnete ihm der Vikar „Das weiß ich nicht (…).“.
An der Kreuzung der vier alten Landstraßen aus Köln, Mönchengladbach, Krefeld und Düsseldorf, genannt „Handweiser“, nach einem alten Wegweiser, der in Form einer Hand gestaltet war, fand sich Klinkhammer vor einem kruden Hochbunker wieder. Seine Kirche bestand aus zwei Baracken hinter dem Betonklotz, die einmal Unterkunft für den Reichsarbeiterdienst waren. Belgier und Franzosen hatten während der Rheinlandbesetzung in den 1920-Jahren hier schon einmal Baracken errichtet. Nach dem Abzug der Truppen dienten sie dem ersten Pfarrer der neuen Gemeinde als Notkirche für die Arbeiterfamilien der Umgebung. Schließlich konnte die neue Gemeinde auch ein Grundstück erwerben, auf dem eine richtige Kirche errichtet werden sollte. Die Pläne für die Kirche lagen schon vor, als das Grundstück 1940 widerrechtlich für den Bau des Bunkers beschlagnahmt wurde. Dem Versprechen, dass die Gemeinde ein neues Grundstück im Tausch erhält, kam die Stadt nicht nach. 1944 wurde die Notkirchen-Baracke zerstört. Der Bunker, der inzwischen den Großteil der durch den Bombenkrieg obdachlos gewordenen Bevölkerung beherbergte, hielt den Treffern stand. Nach dem Krieg mussten die neuen Baracken wieder als Notkirche herhalten. 1948 lebten immer noch 21 Personen permanent im fensterlosen Luftschutzbunker, da die Wohnungsnot im kriegszerstörten Düsseldorf nach wie vor groß war. In Klinkhammer reifte jetzt die Idee, dass nicht ein anderes Grundstück mit Neubau die Baracken-Notkirche ersetzen sollte, sondern der Bunker, der ohnehin auf dem Grundstück der Gemeinde errichtet worden war. Eine ganze Batterie ungeklärter Fragen stand im Raum. Wohin mit den Bewohnern? Wem gehört der Bunker? Wer ist zuständig? Woher das Geld für den Umbau nehmen?
Die letzten Bewohner des Bunkers, die sich zunächst nicht vertreiben lassen wollten, konnten im September 1949 in einen besser ausgestatten Wohnbunker umziehen. Klinkhammer ließ sich von seinem Studienfreund, jetzt Dombaumeister, Willy Weyres, die Pläne für den Umbau anfertigen. Entsprechend den Kapitulationsbedingungen gehörte der Bunker der Besatzungsbehörde. Klinkhammer erwirkte beim Finanzamt, (welches den Bunker treuhändisch verwaltete,) dass der Bunker, für dessen Grundstück das Finanzamt Miete an die Gemeinde zahlen musste, an die Gemeinde übertragen wird. Nach dem auch die Baugenehmigung eingeholt war, konnte mit dem Umbau begonnen werden. Die Kosten wurden auf 150.000 Reichsmark geschätzt. Die Westdeutsche Allgemeine berichtete:
„Bunker wurde stabilste Kirche der Welt. Arme Düsseldorfer Pfarrei schuf in Gemeinschaftsarbeit ein Gotteshaus. Der ehemalige ‚Ruhrkaplan‘ vertauschte Soutane gegen eine ehemalige Militäruniform, Breecheshose und hohe Schaftstiefel, verteilte nach Feierabend Schaufeln und andere Gerätschaften an die Jugend und die Männer der Gemeinde, lies ein Feldgleis legen und schob die Kipplore selbst an, den ersten Schutt abzufahren. So ging das den Sommer über, im Herbst und im Winter. Eine Sprengfirma wurde als einzige bezahlte Kraft engagiert, um Zwischendecken und Fensteröffnungen herauszusprengen, während alle anderen Arbeiten durch freiwillige Helfer verrichtet wurden. Die Außenmauern, in die die Fenster eingesprengt werden mußten, waren 1,20 m dick aus härtestem Eisenbeton, durch den die Bohrlöcher für die Sprengladungen mit Donarit getrieben wurden. Ununterbrochen ratterten die Kompressoren. Die Bohrlöcher zusammengenommen betrugen eine Länge von 5 km. Tausende Tonnen Schutt wurden aus dem Eisenbetonkoloß herausgeholt. Und am späten Abend – bisweilen auch schon etwas früher, wenn die Zeit es erforderte – zog der ‚Ruhrkaplan‘ wieder seine Soutane an und fuhr über Land. Dreimal in der Woche. Er sprach in Westfalen und am Niederrhein, im Norden und im Süden. In Großstädten und in Dörfern. Über 300 Vorträge (‚Volksnot und Erlöserglauben‘, ‚Recht und Grenzen religiöser Toleranz‘, ‚Der Christ in der Zeitenwende‘, ‚Versöhnte Christenheit‘, ‚Deutschlands Wiedergeburt und Auferstehung Europas‘ usw.) hat er wohl in diesen arbeitsreichen Monaten gehalten. Und jeden Pfennig, den er nicht für die caritative Betreuung der Ärmsten seiner armen Gemeinde gebrauchte, legte er in die Baukasse. Die Hälfte der großen Summe, die für den weiteren Ausbau benötigt wurde, hat Dr. Klinkhammer durch seine Vorträge hereingeholt, ein kleiner Teil kam durch Spenden einiger Gönner auf. An seine Pfarrkinder, die selbst nichts hatten, wandte er sich nur einmal: ‚Die Kirchenbänke, die für eure Bequemlichkeit sind – das Holz hatte ich im Sauerland zusammengepredigt – müßt ihr selbst bezahlen.‘“
Doch ein Schreiner aus Klinkhammers alten Gemeinde in Altenessen fertigte die Kirchenbänke auch noch kostenlos an. Sogar den Bauschutt konnte die Gemeinde noch verkaufen um die Baukosten niedrig zu halten. Doch der Papierberg war noch nicht bewältigt. Obwohl der Umbau schon längst im Gange war musste sich Klinkhammer durch drei weitere Instanzen kämpfen. Nach langem schriftlichen hin und her und vielen Überfahrten mit der kleinen Fähre, da die Rheinbrücken noch nicht wieder aufgebaut waren und alle wichtigen Behörden auf der andere Seite des Flusses lagen, konnte die Gemeinde das „entmilititarisierungspflichtige Kriesgbauwerk“ nun vorläufig für 10 Jahre, zu monatlich 10 D-Mark pachten, unter der Bedingung, dass der Bunker entmilitarisiert wird, was natürlich längst im vollen Gange war.
Der Umbau des Bunkers glückt:
„Ein lichtdurchflutetes, rechteckiges Kirchenschiff, 20 mal 35 Meter im Geviert und 9 Meter hoch […]. Zum freistehenden Altar, der sein Licht von einem vom Boden bis zur Decke reichenden Fenster erhält, führen sieben Stufen als Symbolisierung der Unendlichkeit hinauf. Diesem gegenüber befindet sich – freischwebend über der Taufkapelle und Eingangsräumen – die Empore, die mit der Orgel den Abschluß bildet. Einfach und schlicht unter Wahrung und Nutzung des vorhandenen Materials, dennoch monumental in seiner Wirkung, Präsentiert sich das von einer freischwebenden Decke überspannte Kirchenschiff, das durch die großen Dickglasfenster von Walter Benner bisweilen an die mystische Dämmerung von Chartres gemahnt, woher der Künstler nach seiner Bezeugung seine Intuition gewonnen habe.“ (Klinkhammer, Die stabilste Kirche der Welt, in: Bürgerverein Heerdt e.V., Heerdt im Wandel der Zeit II, Düsseldorf 1980, S. 76)
Auch zu einem Kruzifix, für die leere Wand über dem Altar, kam die arme Gemeinde. In 1200 Stunden Arbeit fertigte der Schmied Johann Karst, der seine drei Söhne im Krieg verloren hatte, ein überlebensgroßes Jesuskreuz an „Und er brachte es … und wollte nicht einmal einen Dank dafür.“
Am 30, Oktober 1949 konnte die Bunkerkirche eingeweiht werden. Die Rheinische Post schreibt nach der ersten Predigt:
„So sei heute ein Bollwerk des Krieges zu einer Stätte des Segens umgewandelt worden. Der finstere klobige Bunker von einst sei ein rechtes Abbild der Seele des heutigen Menschen. Sie schließe sich hermetisch ab von der Umwelt, vom Nächsten und seinen Nöten und kümmere sich nur um ihn, wenn es gelte, ihn auszubeuten. Diese seelischen Bunker müßten gesprengt werden oder es müßten, wie hier, Fenster gebrochen werden, durch die das Licht hereinfluten könne, das Licht des göttlichen Wortes und der Gnadenmittel der Kirche. Auch aus dem Bunker des überheblichen Nationalstolzes und des Rassenhasses müßten wir hinaus. Ein übervölkischer, ja ein Weltzusammenschluss sei keine Utopie, allerdings nicht auf Grund irgendeiner Theorie aus West und Ost, sondern dann, wenn sich die Völker dem sanften Joch Christi, des Königs der Könige, beugten.“ („Sprengt die Bunker der Seele!“, RP vom 31.10.1949)
Der ursprüngliche Architekt des Luftschutzbunkers entwarf 1952 für die Kirche einen Glockenturm, als Aufsatz für den Flakturm, für den Klinkhammer selbst in Hamburg auf einem „Glockenfriedhof“ fünf Bronzeglocken besorgte, die ursprünglich aus Danzig stammten und die im Krieg für die Rüstungsproduktion eingeschmolzen werden sollten.


Nach 5 Jahren versuchte Klinkhammer den Bunker endgültig in den Besitz der inzwischen stark angewachsenen Gemeinde zu überführen. Inzwischen war der Verhandlungspartner die junge Bundesrepublik, für die der Bunker eigentlich wertlos geworden war. Doch die „unentgeltliche Überlassung“ war aus „haushaltsrechtlichen Gründen“ nicht möglich. Das Finanzbauamt schätzte den Wert des Gebäudes auf etwas 100.000 DM, Klinkhammer schlug dem Generalvikariat vor den Kaufpreis auf 80.000 DM runterzuhandeln, doch schon 100.000, die Schätzung des eigenen Amtes, wollte die Behörde nicht genehmigen und unterbreitete stattdessen einen neuen Pachtvertrag. Klinkhammer wollte aber um jeden Preis verhindern, dass der Bunker weiter für eine Remilitarisierung in Betracht gezogen wird. Nach weiterem Schriftverkehr und wohlgesonnener Fürsprache wurde man sich schließlich einig. Die Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch die Oberfinanzdirektion Düsseldorf verkaufte am 5. Dezember 1955 endültig die Bunkerkirche für 100.000 DM an die Katholische Kirchengemeinde Hl. Sakrament.
Klinkhammer bleibt sein restliches Leben in der Bunkerkirche in Düsseldorf-Heerdt. Für seine Verdienste wird ihm 1975 von Papst Paul VI. der Titel Monsignore verliehen. Bis 1991 bleibt er engagierter Pfarrer seiner Gemeinde. 1992 wird er mit dem Verdienstkreuz des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.
1997 stirbt Monsignore Carl Klinkhammer mit fast 94 Jahren in Düsseldorf-Heerdt.

III – Krieg, eine neue Heimat, eine neue Kirche
Nicht nur durch die letzten Missbrauchsskandale sinkt in Deutschland das Interesse an der Kirche. Jährlich treten hunderttausende aus der katholischen Kirche aus. Die stark geschrumpfte katholische Gemeinde in Heerdt konnte die Bunkerkirche kaum gerecht nutzen, sodass sie 2015 durch den Kölner Erzbischiof Woelki an die koptische Gemeinde Düsseldorf übergeben wurde. 2018 verabschiedete sich die katholische Gemeinde endgültig von der Kirche St. Sakrament.
Doch damit entgeht die Bunkerkirche dem Schicksal vieler anderer Sakralbauten in Deutschland. Niemand muss sich den Kopf zerbrechen, wie man den kostspieligen Unterhalt eines so großen Baukörpers mit ein paar Kunstaustellungen rechtfertigen kann, niemand muss sich Umbaupläne ausdenken, stattdessen kann sie weiter als Kirche genutzt werden. Im Gegensatz zur katholischen Kirche wächst die koptische Gemeinde in Düsseldorf. Leider wächst sie muss man sagen, denn die Kopten werden mehr, weil sie fliehen müssen. Die Kriege und Krisen des nahen Ostens treffen alle Menschen die dort leben, auch und in manchen Fällen besonders die Christen. 6-10% der Ägypter sind zum Beispiel koptischen Glaubens, was nicht verhindert, dass sie seit 2011 immer wieder Anschlägen und Verfolgung ausgesetzt sind. Auch überall wo der Islamische Staat wütete, mussten und müssen Kopten fliehen um dem Tod zu entgehen.
„In Nordrhein-Westfalen haben 4000 von ihnen Zuflucht gefunden. 300 Menschen gehören zur koptisch-orthodoxen Gemeinde St. Maria in Düsseldorf-Gerresheim, die sehr viele Flüchtlinge in ihrer Mitte aufgenommen hat. An Feiertagen nehmen heute bis zu tausend Gläubige am Gottesdienst teil, während es früher nur rund 100 Familien waren.“
– Website der koptischen Gemeinde

Ich hoffe, sie finden hier in Deutschland nicht nur Zuflucht, sondern eine neue Heimat, auch eine neue Hoffnung. Ihren Glauben haben sie nicht verloren. Der Bunkerkirche schenken sie ein drittes Leben, eine Weiternutzung im eigentlichen Sinne, als weltlicher und spiritueller Zufluchtsort: Keine museale Konservierung, keine eingefrorene Erinnerung; Erlösung und Wiederauferstehung für den Hochbunker am Handweiser, Ostern für die Bunkerkirche.
Dieser Beitrag wurde rückdatiert auf den Tag der ursprünglichen Konzeptualisierung/Aufnahmedatum, tatsächliches Releasedatum: 19.7.22
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