
Meine eigentliche Zuneigung zur Fotografie entstammt sicherlich nicht unwesentlich einem Mini-Kindheitstrauma. Im Urlaub auf Wangerooge in den frühen 00ern, an der frühesten Grenze meines Erinnerungsvermögens, hatte meine Mutter immer ihre alte Ricoh XR6 dabei, die ich als neugieriges Blag natürlich immer in die Finger kriegen wollte, aber bis auf wenige Ausnahmen nicht bekam. Filmrollen sind ja nun mal deutlich endlicher als SD-Karten. Seitdem wollte ich aber immer eine eigene Kamera haben. Was mich damals begeistert hat, war glaube ich überhaupt nicht die Fähigkeit Momente festzuhalten, sondern das Verschlussklacken, das Anfassen, das Spielen mit dem Spielzeug der Erwachsenen, die verbotene Frucht und ich glaube auch das betörende Gefühl etwas Endliches verbrauchen zu dürfen. Mein junges Hirn hat das aus irgendeinem Grund stark mystifiziert.
2007 durfte ich mir dann eine Nikon Coolpix L10 zum Geburtstag aussuchen, ohne Spiegel, ohne Film, dafür mit unendlichen kostenlosen Fotos. Im Urlaub und auf Ausflügen, auf Sylt und in Berlin hab ich ständig alles fotografiert und mit der Videofunktion haben wir (aus der Sicht von 10-jährigen) meisterhafte Komödien produziert. 2008 musste ich bereits lernen, dass man sich die Welt nicht nur durch den Kamerabildschirm ansehen sollte. Die Sprengung des Volkswohlbund-Hochhauses in Dortmund habe ich nur durch die massive Erschütterung, die Druckwelle und auf dem kleinen Bildschirm meiner Nikon erfahren. Das war es nicht wert, besonders, da ich zu allem Überfluss auch noch zu spät den Auslöser gedrückt hatte und das Gebäude schon halb zusammengesackt war, als die Aufnahme endlich lief. Auf Enttäuschung folgte Reflektion und Überreaktion. Danach habe ich die Kamera viel zu oft in der Ecke stehen lassen, statt einen Kompromiss zu finden zwischen Erleben und Festhalten. Heute bin ich überzeugt, dass viel „Erleben“ erst durch die Erinnerung vervollständigt wird und damit durchs Festhalten in Bild und Bewegtbild gesichert, teilweise überhöht werden kann.


Der Preisverfall bei diesen Kameras setzte sich in der Konkurrenz zu den ersten Smartphones fort. Die Bildschirme wurden größer und die Gehäuse bunter. Auf irgendeiner Klassenfahrt zu der Zeit, in der die SchülerVZ-Profilbilder noch mit der Digitalkamera vor dem Spiegel gemacht wurden, war ich der Uncoole, weil meine silberne Nikon bieder und angestaubt wirkte, im Vergleich zu den marginal besseren, dafür umso bunteren Kameras der letzten Generation vor dem breiten Einzug der Smartphones. 2011 unterbrach das Samsung Galaxy SII auch mein Verhältnis zu dedizierten Fotoapparaten.
Doch das Verlangen nach der Haptik einer echten Kamera mit einem deutlich merkbaren Spiegelschlag war nach wie vor nicht befriedigt. Die Entwicklung hin zum Smartphone brachte eher das Gegenteil. Nicht mal ein Hardwareknopf ist nötig um den Moment festzuhalten. Schaltet man den Ton aus, entsteht das Bild sogar geräuschlos. Dieses Geräusch, das ansonsten aus dem kleinen Lautsprecher dröhnt, ist nur noch eine Hommage an das Altbekannte. Ich muss zugeben, auch mal auf dem besserwisserischen Bandwagon aufgesprungen gewesen zu sein, dass Fotokameras ihren Nutzen überlebt hätten. Australien 2015 und 2016 Kiew und die Sperrzone, haben mich nachhaltig eines Besseren belehrt. So viele Bilder die in Australien nicht entstanden sind um den Akku im oft stromlosen Outback zu schonen, so viele verwackelte Fotos vom Lagerfeuer, von unglaublichen Sonnenauf und -untergängen. Kiew und Tschernobyl waren noch verzweifelter. Ende Oktober waren die Lichtverhältnisse um 12 Uhr mittags meist zu dunkel für die schlechte Handykamera. Wenn es nicht an Licht gemangelt hat, dann viel zu oft an einem halbwegs passablen Autofokus. So oft habe ich in der dunklen Grundschule mit den Kindergasmasken verzweifelt auf den Bildschirm getippt, so oft habe ich mir die Option zum manuellen Fokussieren gewünscht, die Samsung dem Endnutzer natürlich nicht zutrauen konnte.
Belichtungszeit und ISO einzustellen ist dem Endnutzer nicht zuzutrauen! Das kann nur die Automatik:






Die durch den Minijob gefundene Kaufkraft führte mich zunächst zu einer Drohne, die mir nur 2 Monate später der Bundesverkehrsminister madig machen musste (und wenig später die EU) und dann verbrauchte das Lieberhaberauto all mein Geld, bis ich 2018 wieder flüssig genug war, um mir die inzwischen dringend ersehnte DSLR zu kaufen, ohne dass ich jemals eine in der Hand gehabt hätte, oder wusste, wie „richtig Fotos machen“ im Detail überhaupt funktioniert. An diesem Punkt war das Verlangen von Wangerooge nach dem Spiegelschlag und einer Kamera die auch aussieht wie eine Kamera zu sicherlich 90% erfüllt. Die Digital-Single-Lens-Reflex-Kamera liefert das ersehnte Schnacken beim Druck auf Auslöser.
Das neue alte Hobby hat sofort Anklang bei mir gefunden, hauptsächlich, glaube ich, weil es eine Rechtfertigung für mich selber war, einfach irgendwo durch die Pampa latschen zu können. So ganz nebenbei ist es auch das, was mich überhaupt erst so richtig zur Architektur gebracht hat.
2019 hab ich die Kameratasche dann natürlich mit in den Schwedenurlaub genommen, während ein gewisser großgewachsener Freund eine Auswahl seiner Analogkameras dabei hatte. Mit dem Blitz der Point-And-Shoot den Dritten unter uns aufzuschrecken, (der auch unter dem Namen einer Frucht bekannt ist,) wurde schnell zum Running-Gag. Eine umfassende Dokumentation unserer Urlaube wurde mit unverschämt guten Fotos geschaffen. Viele Gesprächen zu „Heute wollte ich eigentlich früher Schlafen gehen“-Uhrzeiten über skurrile sowjetische Objektive, Vor- und Nachteile der Analogbilddigitalisierung per Flachbettscanner, oder mit welchen Kameras und Accessoires man per Serienaufnahmen am schnellsten die 36er-Filmrolle verbraten kann, haben mich dann endlich dazu gebracht meine Eltern lange genug zu nerven, mir die von den Großeltern geerbte und seitdem im Keller Feuchtigkeit, Pilzbefall und Staub ausgesetzte Olympus auszugraben. Meine Trägheit bei der Beschaffung einer frischen Knopfzelle verzögerten die Inbetriebnahme weiter, nicht aber das Auffinden von Film, wie man aufgrund der aktuellen Knappheit vielleicht erwarten würde. Der Rossmann im Uni-Center Bochum-Querenburg stellt sich nämlich als Anomalie raus. Zum normalen Preis lacht mich der Kodak Gold im Regal an, als gäbe es die Lieferengpässe nicht und das in direkter Nachbarschaft zu einer Uni, an der man Medien, Kunst usw. studieren kann!
Den Film hab ich mir allerdings in der ersten Woche des Studiums besorgt, also in der Woche, in der die konsequente Überlastung begonnen hat und die Work-/Life-Balance katastrophal kollabiert ist. Den Film zu verbrauchen und entwickeln zu lassen hat mehr als ein halbes Jahr gedauert und viele Fotos sind mangels Freizeit und dadurch mangels interessanter Motive kaum erwähnenswert.

Hätten wir auf die Warnung meines Bruders gehört, der als einziger den Krach in der Ferne korrekt als Auspuffschläge einer Dampflok zuordnen konnte, wäre unter diesen Aufnahmen das Bild einer BR78 unter Volldampf mitsamt sehr schönen Umbauwagen, was auch der eigentliche Grund war, warum wir an einem Sonntagmorgen im Oktober zu einem Feld in Wattenscheid gegurkt sind.





Mangels Telezoom sind die schönen Zugvögelformationen in der linken oberen Bildecke nur zu erahnen.

Unsicherheit und Zimperlichkeit sorgten dafür, dass die Olympus bis auf diesen Moment in der Tasche geblieben ist, als im Januar schöne Motive besucht wurden. In Porki #50 und #51 ist dafür die fleißige Arbeit der DSLRs zu bestaunen.


Auf diesen letzten Bildern der Rolle ist es schon wieder Frühling. Ich finde der melancholische Herbst mit Nebelschwaden und rot-braunem Laub profitiert auf diesen Bildern am stärksten vom Charme des Analogfilms
Erstaunlich, wie ein kindlicher Wunsch sich 2 Jahrzehnten technischen Fortschritts widersetzt. 1997 – in meinem Geburtsjahr – wurden die meisten Kleinbildkameras jemals verkauft, gefolgt von einem heftigen Absturz. Die Spitze für Digitalkameras war 2010 erreicht. Heute hat jeder eine Kamera in der Hosentasche, die leistungsfähiger ist, als die Point-And-Shoots der 00er-Jahre. Der Markt für dedizierte Kameras hat sich spezialisiert, die Nachfrage sinkt weiter. Und doch ist der technische Fortschritt weiter ungebremst: Meine 77D gehört zu den letzten DSLR-Modellen Canons. Die Revolution der Spiegellosen hat sich vollzogen. Ich glaube auch, dass der schwindende Absatz in der gegenwärtigen Digitalfotografie irgendwann ein Plateau erreichen wird. Die kleinen Sensoren und Festbrennweiten, die in Smartphones verbaut sind, werden rein physikalisch begründet immer einen Nachteil gegenüber 35mm Vollformatsensoren haben. Viel wichtiger ist in meinen Augen aber, dass es eine ganz andere Erfahrung ist, mit der großen Kamera Bilder zu machen, mit einem spezialisierten Werkzeug, das man eingepackt und den ganzen Tag durch die Stadt geschleppt hat; Selbst die volle Verantwortung für das Bild tragen: Ein gutes Foto, weil man die richtige Einstellung gewählt hat, die richtige Ausrüstung gewählt hat, nicht, weil eine besonders schlaue und kaum zu begreifende Software das Bild für einen aufgehübscht hat. Fast allein trägt man die Schuld, wenn das Foto gelingt und auch wenn es nicht gelingt. Die aktive Auseinandersetzung mit dem Handwerkszeug zur Fotografie, macht das Bild zum kleinen Werkstück, erhebt die Fotografie wieder zu etwas Gehaltvollem, zu etwas, was eine kleine Anstrengung erfordert, vielleicht zu einem Handwerk, manchmal auch zu einer Kunstform. Verglichen mit der Smartphonekamera ist es mühevoll den Regler auf „M“ zu stellen, noch Welten mühevoller Film zu kaufen, einzulegen, entwickeln zu lassen, oder gar selbst zu entwickeln. ISO, Blende, Verschlusszeit, Weißabgleich, Brennweite, Tiefenschärfe, Bokeh, Naheinstellgrenze, Objektivbajonett, IBIS: ein ganzes Vokabular ist zu erlernen, Intuition für den richtigen Moment, für die richtige Bildkomposition, einen verloren geglaubten, neugierigen Blick für den Raum, durch den wir uns bewegen, für Häuser, Tiere, Pflanzen, Menschen wiederzufinden. Es heißt unsere Generation suche nach Erlebnissen, hängt weniger am Materiellen, will die Welt sehen, Abenteuer erleben, verstehen, fühlen. In einer zunehmend chaotischeren und undurchdringlich komplexen Welt, wollen wir Kontrolle haben, einen kleinen, geschlossenen Prozess verstehen und steuern können, fühlen können. Schuld an der kleinen Renaissance der Analogfotografie ist in meinen Augen auch genau das. Kleinbildkameras, analog zu Schallplatten, Walkmans, Schreibmaschinen und VW-Bullis, werden plötzlich geliebt von einer Generation, die keine Erinnerung an sie hat: Gegenstände die einen endlichen Funktionsumfang haben, die in ihrer Gänze zu begreifen sind, die nicht übersteigen, was man sich selbst noch vorstellen kann, die simpel genug sind, dass man sie noch fühlen kann. Es scheint doch, manch einer sehnt sich nach einer simpleren Zeit.
Manch einer hat vielleicht die Mühe vermisst;
Manch einer hat bloß das Spiegelklackern vermisst;
Und einer wollte nur auf Wangerooge mit Mamas Kamera spielen.
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