
Der Zusammenbruch der Sternenwelten wird sich – wie die Schöpfung – in grandioser Schönheit vollziehen.
Blaise Pascal, nach Werner Herzog

Die Ungetüme fressen den Boden. Sie wissen nicht warum, nicht wohin. Sie wissen nur, dass sie fressen müssen. Die Erde fressen sie und ganze Wälder, Dörfer, Geschichte; sie fressen und fressen, unermüdlich Tag und Nacht. Keine Rast für die unermüdlichen Biester, ob klirrende Kälte oder gleißende Hitze. Schlucken dürfen sie ihre Nahrung nicht: Verbrannt wird sie in großen Öfen, den Planeten zu kochen. Gierige Menschen haben sich in ihren Hirnen eingenistet, sie zu kontrollieren und zu treiben. Die Elektrizität fließt durch Drahtseile, wie Nervenbahnen durch die Landschaft. „Konsum“ nennen sie es, wofür sie die Biester schufen, die Öfen befeuern und den Strom ins Land schicken. Mehr und immer neue stählerne Vögel, schwere Blechkisten, leuchtende Scheiben. Und haben sie genug von so viel Greifbarem, bilden sie sich Dinge ein: Geld, welches nur als unwirklich kleine Magnetisierungen auf tausenden Metallscheiben besteht, für die der Strom schwere Rechenaufgaben tragen muss. Die großen Schaufelräder müssen sich um jeden Preis drehen. Keine Rast bis der Boden taut, das Eis schmilzt und die Meere über die Ufer treten, keine Rast, bis die Vögel vom Himmel fallen und wir endlich unseren rettenden Hitzetod gefunden haben.
Und reicht es den Menschen vorher, so droht den Biestern nur der Tod. Man wird ihnen Dynamit in die Eingeweide stecken, ihre Reste in die Flammen werfen. Zu gewaltig für die Umsiedlung: Das gleiche Schicksal wie die Wälder und Häuser, die sie einst fraßen.


Ein Blick auf die grandiose Schönheit unseres globalen Kollektivsuizids.
Kein Blick mehr auf die Ortschaften
Reisdorf (†1963),
St. Leonhard († 1963),
Darshoven († 1967),
Epprath-Tollhaus († 1968),
Geddenberg († 1969),
Muchhaus († 1969),
Oberschlag († 1969),
Omagen († 1976),
Morken-Harff († 1976),
Königshoven († 1983),
Elfgen († 1987),
Belmen († 1988),
Jüchen-Süd,
Priesterath († 1997),
Stolzenberg († 2000),
Garzweiler († 2003),
Holz († 2008),
Otzenrath († 2006),
Spenrath († 2008),
Pesch († 2014),
Borschemich († 2017),
Immerath († 2022),
Lützerath († 19.1.2023)
Der Mensch ist es leid geworden. Ein Ende des Wahnsinns ist in Sicht. Zu spät für viele Quadratkilometer verlorene Heimat von 45.000.
Bald füttern wir die gewaltigen Biester mit Dynamit.

Bagger 285 wird dieses todgeweihte Biest genannt. So schwer wie 2250 ausgewachsene Elefanten, stark wie 18500 Pferde. Fast so hoch wie Hyperion, der höchste Baum und doppelt so lang. 8300 Kubikmeter Erde frisst es pro Stunde aus dem Boden, Tag und Nacht, unermüdlich seit 48 Jahren, 1,6 Milliarden Tonnen.
Tagebau Garzweiler
RWE Power, ehemals Rheinbraun AG

https://www.wernerherzog.com/text-by-werner-herzog.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Schaufelradbagger
https://de.wikipedia.org/wiki/Tagebau_Garzweiler
https://www.bund-nrw.de/themen/braunkohle/hintergruende-und-publikationen/verheizte-heimat/verschwindende-doerfer/
https://www.rwe.com/der-konzern/laender-und-standorte/tagebau-garzweiler/
„‚Ästhetisierung des Grauens’ (…) ‚Ihr Kretins’, sagte ich, ‚das hat Dante in seinem Inferno auch schon gemacht, und Goya, und Hieronymus Bosch auch.’“

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