
Harald Deilmann hat mit seinem Büro ein halbes Jahrhundert lang in der Bundesrepublik und international das Antlitz von Städten geprägt. Mit dem 407-seitigen Ausstellungskatalog, in dem seine Projekte präsentiert sind, (! Achtung Witz:) könnte man die für den Abriss des Volkswohlbundhochhauses Verantwortlichen wohl ordentlich verhauen. Diese Sprengung der Hauptverwaltung der Versicherung am Südwall in Dortmund war 2008 mein erster Kontakt mit dem Werk von Harald Deilmann, selbst festgehalten auf meiner Point-And-Shoot. Ich hab damals wahrscheinlich das unreflektierte Merhheitsdogma nachgeplappert und behauptet, ich fände diesen Betonklotz hässlich, ich bin mir nicht sicher. Mit 10 Jahren hatte ich logischerweise keine besonders differenzierte Meinung zu Architektur und wusste ich natürlich nicht, dass ich eines Tages Architektur an der Fakultät studieren würde, dessen geistiger Vater ausgerechnet Deilmann ist. Woran ich mich aber sehr gut erinnern kann, ist, dass ich lange nicht nachvollziehen konnte, wie es Sinn machen kann ein intaktes Gebäude zu zerstören. Der Wahnsinn unserer Wegwerfgesellschaft widerspricht nicht nur Logik, sondern sogar kindlichster Logik! Nur 35 Jahre hat man die tausenden Tonnen Stahl und Beton genutzt, bevor man sie wieder pulverisiert hat. Heute erkenne ich den architektonischen Wert des verlorengegangenen natürlich und die geringen gestalterischen Ansprüche des Neubaus auch. Bauwelt hat 2007 schon die Qualitäten des Deilmann-Baus erkannt und zurecht die Wettbewerbsentwürfe kritisiert. Doch dem Volkswohlbund-Hochhaus kann ich leider keinen eigenen Post widmen, wenn nicht eines Tages noch eine alte Festplatte mit meinen ersten selbstgeschossenen Fotos auftaucht. Aber Gott sei Dank gibt es noch mehr von Deilmann, was auch stehengeblieben ist, mal stadtbildprägend, mal versteckt am Rand. Um diese Bauwerke soll es hier gehen. Zunächst in Dortmund, eventuell dann auch woanders.
Flexibles Wohnen
Architekten: Harald Deilmann, Gerhard Bickenbach, Herbert Pfeiffer
Außenraumgestaltung: Rudolf Skribbe
Bauzeit: 1973-75
Im Dortmunder Südwesten, zwischen Universität, Ruhrschnellweg und Stockumer Straße findet man eine kleine heile Welt. In Schönau, Klein- und Groß-Barop durchziehen enge, kurvige Straßen das Gebiet um Emscher und Rüpingsbach. Eine Kapelle von 1348, Fachwerk und kleine Ein- und Zweifamilienhäusschen säumen die geschlängelten Straßen. Dort am Übergang von Studierendenwohnheimen zum bürgerlichen Häuschenglück, inmitten von Bäumen, Bachgeplätscher und grünen Wiesen, sind zwischen den Zweigen schrecklich-schöne Waschbetonplatten zu erkennen. Obwohl das Ensemble in Volumen und Höhe das restliche Klein-Barop deutlich übertrifft, übersieht man es fast. So eingebettet in Grün gibt es kaum Sichtachsen über die man die Baukörper in ihrer Gänze betrachten könnte. Geht man nur dran vorbei, könnte man den großen Fertigbauteilen abkaufen, dass hier ordinärer 70er-Jahre-Sozialwohnungsbau ohne besondere gestalterische Ansprüche betrieben wurde, wie an so vielen anderen Stellen in den Vororten und Randbezirken auch (nicht, dass ich das nicht auch charmant finden würde).


Fast übersehen: Versunken und umhüllt in saftigem Grün
Verweilt man einen Augenblick, so fallen einem die abgerundeten Ecken und Aussparungen für die Fenster in den Platten auf. Schweift das Auge weiter, bleibt es an den weißen Erschließungskernen hängen, die einen starken Kontrast zu den graubraunen Waschbetonfertigplatten bilden. In jedem Stockwerk scheint ein abgerundeter Kasten an den Fensterrahmen zu hängen.
Ganz unten wächst noch ein Vordach aus dem – in der Literatur als Sichtbeton beschriebenem – hellen Material heraus und darunter farbcodierte Eingangstüren, Klingelschilder und Briefkästen passend dazu. Die Hausnummern davor haben ihre eigenen kleinen Betonskulpturen, darin integriert die kugeligen Laternen, die das Areal nachts erleuchten.




Man erschrickt fast, wie sauber und in Schuss alles ist. Passend zum Grün der Umgebung sind die Häuser üppig bewachsen. Wo der Waschbeton sonst im Winter vielleicht abweisend wirken könnte, ist er stattdessen in immergrünen Efeu gehüllt.
So überraschend hochwertig die Fertigbauteilklötze von außen sind, was den Komplex wirklich besonders macht, verbirgt sich im Innern. Der Gebäudekomplex ist nämlich Ergebnis eines Wettbewerbs, der 1971 vom Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau ausgelobt wurde. Das Ministerium wollte die Möglichkeiten von Wohnungen mit flexibel veränderbaren Grundrissen untersuchen. Statt regulärer Wände, waren sogenannte Raumtrenner gefordert. In der Umsetzung von Deilmann können diese Raumtrenner ohne großen Aufwand und ohne Fachkenntnisse durch die Bewohner verschoben oder ganz entfernt werden. Der Bau wurde dementsprechend zusammen mit Projekten in Hamburg, Ulm und Geislingen als Forschungsprojekt durch Bundesmittel bezuschusst. Eine Nachuntersuchung aus dem Jahr 1980 bescheinigt dem Projekt Erfolg. Eine überwiegende Mehrheit der Bewohner hat den Grundriss selbst geplant und auch schon wieder Veränderungen durchgeführt. Eine Familie kritisierte damals, dass die zentrale Anordnung der unveränderlichen Nasszelle und zu wenig Antennen- und Telefonanschlüsse die Planungsfreiheit einschränken. Auch um eine „schönere“ Ausführung der Raumtrenner wird an gleicher Stelle gebeten. Kritik die wenig überrascht: Wo Raumtrenner standen, sind Abdrücke im Teppichboden erkennbar. Dabei muss aber erwähnt werden, wie wenige Bewohner überhaupt Kritik geäußert haben und wie positiv die Wohnungen damals angenommen wurden.

Was vielleicht auch für die Qualität dieses Bauwerks spricht: Die soziale Kontrolle funktioniert. Während ich diese Fotos anfertige, steht nach nur wenigen Minuten eine Anwohnerin vor mir und fragt, was ich hier mache. Ich erkläre, dass ich Architektur studiere und um jeden Zweifel auszuräumen, dass ich nicht doch Fahrradkeller oder Kupferfallrohre ausspioniere, presse ich so schnell ich kann Begriffe wie „Deilmann“, „Flexibles Wohnen“, „Bundesmittel“, „Raumtrenner“, „Außenraumgestaltung“ heraus und erkundige mich bei der netten Dame über die Annehmlichkeiten.
Zu meiner Überraschung berichtet die Bewohnerin sofort von den flexiblen Raumtrennern. Die Grundrisse sind auch heute nicht erstarrt, die Raumtrenner sind nicht verloren gegangen oder festgedübelt worden. Jede Wohnung sieht anders aus, ist anders eingeteilt, weiß die nette Dame zu berichten. Das Konzept, von dem man erwarten würde, dass es nur in den ambitionierten 70ern funktionieren kann, ist nach 51 Jahren immer noch lebendig. Nur von den Fassadenplatten in Waschbeton sei sie zunächst abgeschreckt worden, daran gewöhne man sich aber.
Meine persönliche Nachuntersuchung mit einer einzelnen befragten Person ergibt also: Ein einzelner bleibender Kritikpunkt sind die zu kleinen Schießscharten in der Küche. Keine baulichen Mängel haben den Komplex dahingerafft. Kein Dorstener Habiflex, sondern ohne großes Aufsehen, wie selbstverständlich genutzter 70er-Zukunftsoptimismus.



Postscriptum:
Mäßig interessante Randnotiz: Ausgeführt wurde der Bau von der Leverkusener IMBAU, die ganz in der Nähe auch für den von seinem eigenen Architekten verschmähten „Fertigbaukasten“ verantwortlich war, dem Gebäude der ehemaligen pädagogischen Hochschule EF50 der TU Dortmund. Auch dort kamen Fertigbauteile zum Einsatz, jedoch in einem viel größeren Maßstab.
Quellen:
- Stefan Rethfeld, Wolfgang Sonne (Hg.): Harald Deilmann – Lebendige Architektur, Dortmund 2021, ISBN: 978-3-86206-845-6
- Gespräch mit einer Bewohnerin, März 2023
- https://www.aknw.de/aktuelles/news/details/news/wohnwelten-fuer-morgen
- Nachuntersuchungen an den Wettbewerbsbauten „Flexible Wohngrundrisse“ und „Elementa“ Dortmund, Hamburg – Bonn, Hannover, Nürnberg, Frauenhofer IRB Verlag via: https://www.baufachinformation.de/mobil/forschungsbericht/nachuntersuchungen-an-den-wettbewerbsbauten-flexible-wohngrundrisse-und-elementa-dortmund-hamburg-bonn-hannover-nuernberg/215109




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