Die „Chinese Muur“, das „langste woongebouw van Nederland“ an der „langste laan van Nederland“: Die „Chinesische Mauer“, das längste Wohngebäude der Niederlande, am Ende der längsten Straße der Niederlande, von Jan Wils und Fop Ottenhof umgibt das Wohngebiet „Waldeck“. Sie soll es nicht etwa vor wilden Touristen schützen, sondern vor den stürmischen Winden der Nordsee. Der Apartmentkomplex mit seinen 553 Metern wurde von 1961 – 1965 errichtet, was – laut der Hinweistafel vor Ort – das Ende der Wederopbouwperiode markiert.
Die Rolle Fomapan 400, selbst entwickelt in Rodinal (alles sowieso schon ein sehr körniges Unterfangen), hat leider etwas Licht abbekommen, weil ich ein Teil vom Entwicklungstank vergessen hab. Trotzdem bin ich immer von der Abbildungsleistung meiner Mamiya fasziniert. Trotz Fomapan-400-Grütze, trotz 50mm-Weitwinkel (=25mm KB-Äquivalent) reicht das ganze noch, um diesen Vogel hier zu erkennen:


Die Mauer konnte Waldeck zwar vor Stürmen schützen, nicht aber vor Lichteinfall in meinem Entwicklungstank. Waldeck musste deutlich mehr leiden:




Wie ich finde, von der Komposition her, das schönste Bild der Mauer, leider auch in Teilen in meinem Wohnzimmer nachbelichtet:

Ich finde hier wirkt sie wirklich endlos.
Und damit sich jetzt alle am Kopf kratzen, warum man sich Mühe und Extrakosten mit Entwicklung zuhause und Mittelformatkamera macht, hier die Innenseite der Mauer auf „günstigem“ Kodak Gold aus der Kleinbildkamera, im Großlabor entwickelt:


…und auch noch ein bisschen vom restlichen Waldeck in Farbe:



(Google Earth)
Ich finde, was noch viel beeindruckener ist, als die protzigen Eckdaten und was auf den Farbbildern und dem Screenshot hoffentlich auch ein wenig erkennbar ist: Hier ist ein wirklich großes modernistisches Ensemble, eingeklemmt zwischen Strand und Den Haag und es wird nichts abgerissen. Nichts ist runtergekommen oder ausgestorben, alles ist lebendig und funktioniert. Das Nahversorgungszentrum kämpft nicht mit Leerständen, sondern Rentner sitzen auf den Bänken und unterhalten sich. Dass der Fischverkäufer im Urlaub ist, muss ein echter Kompromiss gewesen sein, die Kundschaft bleibt sonst nämlich nicht aus.
Bei uns in Deutschland gelten die Großwohnsiedlungen der Nachkriegszeit in den meisten Fällen als „soziale Brennpunkte“, die wenig begehrt und noch weniger instandgehalten sind. Wenn dann doch saniert wird, kommt direkt das WDVS drauf, oder unsägliche Kunststoffpaneele, damit die hierher verbannten vor Wut nicht einfach die Fassade kaputttreten können.
In Waldeck sind die gebauten modernistischen Träumereien wahrgeblieben, so scheint es mir. Und meiner Beobachtung nach, ist man sogar wahnsinnig genug, die historische Einfachverglasung wertzuschätzen.
Wo in der Bundesrepublik diese Szenerien längst in Investionsscheue verstaubt, verschmiert und zerbrochen sind und in Zeiten von Energie- und Klimakrise auch unwiderruflich Abrissbirnen zum Opfer fallen, überdauern diese Bauwerke hier ihre Phase der größten Bedrohung, die Phase, in der die Moderne eben nicht mehr „modern“ ist, aber auch noch nicht historisch genug, um breite Akzeptanz zu finden.
Liebes Deutschland, schneid dir doch mal eine Scheibe von den Holländern ab (Den Haag ist tatsächlich Zuid-Holland!). Von mir aus können wir uns auch auf Isolierverglasung einigen.


