Motivations- und Eignungstest der Fakultät Architektur und Bauingenieurwesen der TU Dortmund

Der schönste Innenraum?

Atrium des Justizzentrums Bochum, Bochum Innenstadt

Als ich zum ersten Mal das Atrium des neuen Justizzentrums besuchte, war es noch nicht als ein solches zu erkennen. Vor circa 10 Jahren hatte ich die Chance das Gebäude im Rohbau zu besuchen. Es klaffte ein großes Loch in der Mitte des Gebäudes und die Erklärungen des Architekten beschränkten sich leider auf die spätere Form der Fenster in der Außenfassade. Bei meinem nächsten Besuch durfte ich feststellen, dass das große Loch geblieben war. Nach der Einlasskontrolle, die eher einen bedrückenden ersten Eindruck hinterlässt, schreitet man über eine Treppe in die luftige Halle, die über die komplette Höhe des Gebäudes reicht. Das gläserne Dach lässt das Atrium in natürlichem Licht erstrahlen. Das Atrium wirkte auf mich fast unanständig groß im Verhältnis zum restlichen Gebäude. Auf drei weiteren Ebenen wird einem der Zugang zu den Gerichtssälen und Verhandlungsräumen über Emporen ermöglicht. Auf den oberen Ebenen fällt der Blick in die eine Richtung durch die große Glasfassade in den begrünten Innenhof und in die andere Richtung schaut man in die Tiefe des Atriums.

Der Versuch Fotografien vom Atrium anzufertigen ist leider an der Sicherheitsschleuse gescheitert.

Der Gang in den Gerichtssaal ist für alle Beteiligten meist kein erfreuliches Ereignis. Das Atrium des Justizzentrums stemmt sich gegen die schlechte Laune. Viel natürliches Licht, helle Farben und warmes Holz vermitteln eine Atmosphäre von Optimismus und Klarheit.

Der schönste Palast?

Bochum Hauptbahnhof, Bochum Innenstadt-Süd

Bahnhöfe wurden im Lauf der Geschichte oft mit Palästen und Kathedralen verglichen. Bis zum Aufkommen des motorisierten Individualverkehrs wurden scheinbar immer fantastischere Bahnhofsbauten errichtet. Gigantische Bahnhofsbauten wie in Leipzig, der ehemalige Gare d’Orsay in Paris oder etwa die Detroiter Michigan Central Station stehen vielen royalen Palästen in nichts nach. Zur Zeit der Industrialisierung galten Bahnhöfe als „Kathedralen des Fortschritts“, die Bahnhöfe der Moskauer Metro sollten auf Wunsch der sowjetischen Herrscher als „Paläste des Volkes“ gebaut werden. Im Zuge der Planung des Berliner Hauptbahnhof prophezeite sein Architekt eine „Renaissance der Bahnhöfe“, zur Fertigstellung titelte das Magazin Geo „Hauptbahnhof Berlin – Palast der Züge“.

Der Bochumer Hauptbahnhof wirkt auf die meisten eher nicht wie ein Palast, die unverwechselbare Architektur der Nachkriegszeit stößt stattdessen bei einigen auf Ablehnung. In meinen Augen ist der markante Bau von 1957 aber definitiv ein Palast, wenn auch um einiges dezenter, als andere „Paläste der Züge“. Er steht symbolisch für einen besseren Neuanfang. Es ist der dritte Hauptbahnhof der Stadt Bochum. Der erste Bahnhof wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, was die Chance eröffnete, einen besseren Standort zu wählen und ein Gebäude zu errichten, das den Anforderungen der gewachsenen Stadt genüge tut. Für die Übergangsphase wurde der sogenannte Katholikentagsbahnhof errichtet, bis der jetzige Bahnhof gebaut werden konnte. Das Bahnhofsgebäude liegt direkt am Innenstadtring und ist zwischen zwei wichtigen Einfallsschneisen platziert: Der Universitätsstraße und der Wittener Straße. Das langgezogene Gebäude erweckt bereits Erinnerungen an einen Zug, die roten Ziegel der Fassade lassen sich als Hommage an die Industriebauten des einstigen Ruhrgebiets verstehen. Obwohl das Empfangsgebäude nur viergeschossig ist, dominiert es den Bahnhofsplatz durch seine Länge, sodass man einigen Abstand nehmen muss, um den Bau vollständig betrachten zu können. Die strenge Ordnung und Repetition der Fassade würde sicherlich langweilig wirken, wenn sich der Bahnhof nicht mit einer gläsernen Vorhalle der Innenstadt öffnen würde. Die Vorhalle mit der geschwungenen Dachform wirkt auf mich zeitlos, könnte genauso gut in den letzten Jahren errichtet worden sein. Dennoch harmonisiert sie wunderbar mit den rechteckigen Formen des Empfangsgebäudes.

Das schönste sterbende Gebäude?

Der Campus der Ruhr-Universität Bochum, Bochum-Querenburg

Mein ganzes Leben schon wohne ich fünf Minuten entfernt, praktisch im Schatten dieses großen Ensembles. Als ich kleiner war, wirkte der Komplex auf mich wie ein mystischer Ort: Die gewaltigen Gebäude, die vielen Ebenen – wie ein Labyrinth in drei Dimensionen – unüberschaubar und scheinbar unendlich groß. Später offenbarte sich mir ganz im Gegenteil dazu eine strikte Symmetrie, mit einer überaus logischen Ordnung. Aus dem Uni-Center überquert man über eine großzügig breite Fußgängerbrücke die Universitätsstraße und befindet bereits auf der Zentralachse, die Musisches Zentrum, Bibliothek, Verwaltung, Audimax und letztendlich die Mensa beherbergt. Von der Zentralachse in zwei Reihen nach links und zwei nach rechts abgehend, befinden sich die Institutsgebäude, die Form dieser Scheibenhäuser erinnert an Le Corbusiers „Unité d’Habitation“. Am Ende der Zentralachse, auf den Balkonen der Mensa angekommen kann man sich sicher sein, am Ende der Uni angelangt zu sein. Vor einem erstrecken sich im harten Kontrast zu Beton und Glas die grünen Abhänge des Lottentals. Vom Kemnader See aus gesehen, thronen die Kolosse auf ihrer Anhöhe über der Ruhr. Für den Architekten Helmut Hentrich waren die Gebäude Schiffe, die an einem „Hafen im Meer des Wissens“ angelegt haben. Dieses Thema wird auch in der Gestaltung des Audimax aufgegriffen, in dessen Dach sich die Form einer Muschel erkennen lässt.

Doch in meinen Augen verschwindet das sinnige Konzept, die strikte Symmetrie, damit auch die übersichtliche Ordnung zunehmend. Die Uni platzt aus ihren Nähten. Obwohl die ursprüngliche Planung von Hentrich und Petschnigg eine spätere Erweiterung des Campus auf der Ost-West-Achse bereits vorgesehen hatte, forscht die RUB heute z.B. auf dem ehemaligen Opelgelände und die Universitätskliniken sind über das Stadtgebiet verteilt. Zwischen Institutsgebäuden und in bedrängender Nähe um den Campus herum wurden Unternehmen angesiedelt. Doch auch schon von Beginn an wurde die Planung nicht vollständig umgesetzt. Die Uniklinik wurde nie gebaut, die Gebäude MB und MC dienten lange Zeit nur als übergroßer Taubenschlag, bis sie an Privatunternehmen vermietet wurden. Durch die Sanierungen geht das äußerliche Erscheinungsbild verloren. Die zuerst fertiggestellten I-Gebäude wurden in den letzten Jahren neugebaut oder kernsaniert und erstrahlen jetzt in reinem Weiß. Das neugebaute quadratische Gebäude ID entspricht nicht einmal mehr in der Form den anderen Institutsgebäuden: In Hentrichs „Hafen“ hat scheinbar eine Bohrplattform angelegt. Die N-Gebäude sind inzwischen abgesperrt und warten die Sanierung ab. Ich befürchte auch hier, dass die ehrlichen Betonfassaden dem Geist der Zeit weichen müssen. Der Denkmalschutz scheint sich nicht für solche Details zu interessieren. Seit den 80er Jahren bereits wurden die grauen Betonflächen farbig angestrichen. Grünflächen zwischen den Institutsgebäuden sollen in Zukunft verbaut werden, auch um Raum für kommerzielle Nutzung zu schaffen, Hentrichs „Meer des Wissens“ weicht der Landgewinnung für Gewerbeflächen. Obwohl der Großteil der Bausubstanz der Ruhr-Universität sicherlich noch lange erhalten bleibt und gerade zu diesem Zweck die Sanierungsarbeiten durchgeführt werden, ist die Megastruktur des Campus für mich das schönste sterbende Gebäude in Bochum. Grauer, „ehrlicher“ Beton, die Ästhetik einer Aufbruchszeit, einer Zeit in der Bildung für alle Bevölkerungsschichten greifbar wurde, weicht den glatten, weißen Fassaden der Postmoderne. Von den Abdrücken der Schalbretter im Beton bis hin zum Nutzungskonzept, gilt den Entscheidungsträgern die RUB in ihrer ursprünglichen Form offenbar als überholt.

Das schönste neue Gebäude?

Exzenterhaus, Bochum Innenstadt-Süd

Der Büroturm fußt auf einem ehemaligen Rundbunker aus der Jahr 1942, der in Friedenszeiten seit Ende des Zweiten Weltkriegs keine Verwendung mehr hatte. Auf dem kreisrunden Bunker stehen übereinander die drei namensgebenden „exzentrischen“, ovalen Elemente des Büroturms. Jedes der drei Elemente deutet dabei in eine andere Richtung. Der Bunker und jeweils die drei ovalen Körper haben in etwa die gleiche Höhe. Abgeschlossen wird der Turm an der Spitze von einem grauen, kurzen, runden Zylinder, der einen deutlich kleineren Durchmesser aufweist, als das übrige Gebäude. Von außen erscheint der Turm, bis auf das unterste Viertel vollständig in einem milchigen, von weitem undurchsichtigen Glas, welches durch regelmäßige weiße, vertikale Streben und dunklere, rechteckige Glaselemente unterbrochen wird. Entsprechend der vertikalen Streben durchbrechen die Böden der einzelnen Etagen im gleichen Weißton die Glasfassade. An den extremsten Stellen des Überhangs treten diese Ebenen deutlich aus der Glasfassade hervor und bilden mit fließenden Übergängen schmale Balkone mit gläsernen Geländern. Das Exzenterhaus ist von mehreren Aussichtspunkten in und um Bochum von weit zu erkennen. Aus einigen Perspektiven erscheint eins der Elemente nur rund, so zum Beispiel, wenn man mit dem Auto über die Universitätsstraße in Richtung Innenstadt fährt.

An diesem Gebäude gefallen mir einige Details nicht. Lange Zeit habe ich die Ästhetik des Gebäudes ganz abgelehnt und stattdessen dem historischen Bunker hinterhergetrauert, der so nur noch für die wenigsten Fremden als Bunker zu erkennen ist. Im Sommer verschwindet der Bunker für den vorbeifahrenden Autofahrer fast gänzlich hinter dem Laub der Bäume. Das milchig blaue Glas wirkt auf mich wie Kunststoff. Nachdem ich auch dieses Gebäude im Rohbau besichtigen konnte, habe ich die fertige Fassade zunächst als Enttäuschung empfunden. Die weißen Streben und Etagenböden kontrastieren nur wenig mit dem hellen Glas, verschwinden aber gleichzeitig optisch nicht. Die Balkone erschienen mir inkonsequent. Warum nicht einfach mit der Außenwand abschließen? Die überstehenden Ebenen wirkten ungewollt, als hätte sich jemand beim Bau verkalkuliert.

Doch der Bau schafft etwas, was viele andere Kunstobjekte oftmals nicht schaffen. Er regt zum Interpretieren und Nachdenken an und zwar nicht nur die Architekturinteressierten. Ein guter Freund, der nie in Bochum gewohnt hat und inzwischen weit weg in Norddeutschland lebt, fühlte sich im Vorbeifahren dazu inspiriert das Gebäude einmal als „Nockenwellenhaus“ zu bezeichnen und mir war sofort klar was er meint. Die unterschiedlich ausgerichteten exzentrischen Elemente erinnern an eine Nockenwelle. Der Vergleich liegt ausgesprochen nahe. Die Eröffnung des Exzenterhauses im Jahr 2013 erfolgte, als sich Bochum als Standort für die Automobilproduktion im Sterben befand. Im Rahmen dieser Interpretation der Form des Bürohauses, lässt es sich als Teil des Strukturwandels verstehen. Die äußere Form erinnert an die Automobilproduktion, die den Bochumern einst Arbeit und Wohlstand brachte, doch die eigentliche Funktion bietet der Arbeit im tertiären Sektor Raum zur Entfaltung. Ein anderer Bekannter glaubt in der Form die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft zu erkennen: Das Gebäude wolle „in drei Richtungen gleichzeitig“, es könne sich nicht für eine entscheiden, will alles zur gleichen Zeit.  Der Architekt Gerhard Spangenberg selbst erklärt, dass die „exzentrischen Pakete“ in Richtung des naheliegenden Grüns, in Richtung Ruhr-Universität und in Richtung Innenstadt deuten sollen. Mir selbst ist schon einmal eine Parallele zu einem Wegweiser aufgefallen: Um von nahem zu erkennen wo die Elemente hindeuten, muss man das Element entsprechend im Profil betrachten, blickt man genau von hinten drauf, erscheint es rund.

Das Exzenterhaus schafft es in meinem Freundes- und Bekanntenkreis die Fantasie anzuregen und provoziert eigene Interpretationen wie kein anderes Gebäude in der Umgebung. Deshalb ist die äußere Form dieses Gebäudes in meinen Augen letztendlich doch hohe Kunst. 

Der schönste Spaziergang?

Laerholz, Bochum Querenburg

Das Laerholz ist ein schmales, knapp 2km langes Waldgebiet in Bochum Querenburg. Das Naherholungsgebiet für Studentenwohnheime und Hustadt wurde teilweise künstlich angelegt und wird in alle Richtungen durch Straßen und Wohnbebauung begrenzt. Am südwestlichen Ende entspringt die Asbecke, ein kleiner Bachlauf, der in den 1970er Jahren größtenteils kanalisiert und unter die Erde gelegt wurde. Seit einiger Zeit betreibt die Stadt Renaturierungsmaßnahmen, die auch deutlich Wirkung zeigen.

In meiner Kindheit wirkte der Wald im Herbst und Winter oft wie ausgekehrt. Besonders im westlichsten Teil standen die Bäume in engen Reihen, in fast militärsicher Strenge, fein säuberlich im Raster gepflanzt. Die dichten Baumkronen ließen kein Licht für Pflanzen am Boden durch. Die Asbecke war bis auf einige Meter vollständig unter die Erde gelegt. Nur auf einigen Meter floss der Bach an der Oberfläche schnurgerade durch einen Betonkanal. Ein überkommener Zeitgeist, der Glaube, dass der Mensch sich die Natur zum Untertan machen könne, spiegelte sich überall wieder. Doch schon damals war deutlich, dass diese Bemühungen einem Irrglauben folgten. Von einst geteerten Wegen war fast nicht mehr übrig. In den letzten 15 Jahren hat sich die Stadt bemüht die Sünden der Vergangenheit zu beseitigen. Der Bach wurde wieder ans Tageslicht geholt. Nur entlang der Vormholzstraße ist er noch im Rohr, da einige Bewohner nicht wenige, ungenutzte Quadratmeter ihrer Grundstücke zur Verfügung stellen wollten. Bei starken Regenfällen sucht sich dort der Bach aber auch ohne Baumaßnahmen im Siepen seinen natürlichen Lauf.

Die eng gepflanzten Bäume wurden durch die Stadt ausgelichtet, totes Holz wird abseits von den Fußwegen nicht mehr weggeräumt. Die Natur nimmt ihren Platz wieder mehr und mehr in Anspruch. Jedes Jahr merke ich bei Spaziergängen wie der Wald wilder und wilder wird. Wo früher auch im Sommer nur steriles Braun von gefallenem Laub zu sehen war, gibt es jetzt Unterholz und grünende Pflanzen. In einigen Abschnitten vergisst man, dass man eigentlich in der Großstadt ist. Ein umgestürzter Baum staut den wiederbelebten Bach seit letztem Jahr auf, bei Starkregen sind ganze Wegabschnitte vom Bach überspült. Der Wald scheint nicht mehr zufrieden mit dem Einfluss der Menschen. Die Schotterwege werden ausgespült. Vor einigen Monaten wurde der Weg zu den Studentenwohnheimen erneuert, auch dort hat der Regen den neuen Bodenbelag bereits zerstört. Nur die respektvollen Trampelpfade überstehen Sturm und Wetter unbeschadet.


Das Laerholz ruft einem in Erinnerung, dass Stadtplanung und Architektur sich mit der Natur arrangieren müssen, sich manchmal sogar unterordnen müssen. Versucht man sie in Form zu zwängen, stirbt sie oder wehrt sich. Lässt man ihr freien Lauf, bietet sie dem Menschen in ihrer Umgebung viel. In Betonwüsten steht die Hitze, Pflanzen, die Wasser verdampfen, wirken dahingegen wie eine natürliche Klimaanlage. Die Pflanzen filtern Schadstoffe aus der Luft und erzeugen Sauerstoff. Zu guter Letzt bietet das Laerholz in Querenburg auch Erholung vom stressigen Alltag der Großstadt.

Blick über den Laerholzwald in Richtung Nord-Ost. Deutlich in den Baumkronen zu erkennen: Der Siepen der Asbecke

Starkregen und der Bachlauf interessiert sich nicht mehr für die Besitzansprüche der Anwohner.

– Eine Umfrage von Adolf Loos –

Motivations- und Eignungstest der Fakultät Architektur und Bauingenieurwesen der TU Dortmund als Einschreibvoraussetzung nach erfolgreicher Zulassung beim NC-Verfahren WS 2021/22 für den Bachelorstudiengang Architektur und Städtebau

Lennart Riepe

Bochum, den 15. Juli 2021

Hier abgebildet ist nicht das Bewerbungsschreiben, welches ich letztenendes abgeschickt habe, sondern die ungekürzte Langform, mit mehr Bildern und mehr Text, im Zustand, bevor ich gemerkt hatte, wie strikt die Bilder- und Seitenlimits waren.