Dieser Blog darf jetzt sein.
Seit dem 9.6.2018 existiert Porkisbilderblog hauptsächlich für mich und lange nur für einen kleinen, ausgewählten Personenkreis.
Bis zum 11.10.2021 hab ich krampfhaft versucht ein Augenzwinkern einzubauen. Das ganze Konzept, „ein Schwein geht auf Reisen“ war ganz sicher eine unterbewusste Existenzberechtigung nach der Logik: Was witzig ist, (oder es zumindest sein soll,) das hat eine Daseinsberechtigung. Ein Kartenhaus das unmittelbar nach dem Richtfest zusammengefallen ist. Das letzte Bild mit Porki vor der Linse ist im Oktober 2018 in Frankfurt entstanden.
Die ganze Wahrheit:
Ich mag Architektur, ich mag Fotografie, ich mag Kunst, die ich oft auch nicht ganz verstehe. Ich mache mir gerne Gedanken darüber, „was der Künstler damit meint“. Ich lese gerne Gedichte von Bertolt Brecht und Prosa von Max Frisch und Kurzgeschichten über die Altwasser der Donau. Ich mag Geschichte, besonders die vielen Grautöne, besonders die Misserfolge und ihre Lektionen. Ich mag es Musik zu machen, auf Saxophon, Klavier, Gitarre, Bratsche und Blockflöte, auch wenn ich nichts davon richtig gelernt hab. Ich denke viel nach über Gut und Böse, über Gott und die Welt und darüber, wer ich eigentlich bin. Ich habe es auch bis heute nicht geschafft, darüber hinwegzukommen, viel darüber nachzudenken, was man von mir hält. Auch wenn „man“ dabei ein durch und durch abstraktes Konzept, ein imaginäres Konstrukt ist. „Man“ existiert vornehmlich nur in meinem Kopf. Ich bin überzeugt, dass diejenigen, bei denen es mir wichtig ist, mich so akzeptieren (das reicht erstmal), teilweise auch respektieren, wie ich bin, beziehungsweise, dass Leute, die das nicht tun, Leute sind, bei denen mir eigentlich egal ist, was sie von mir halten.
„Man“, (im Prinzip also vor allem ich selbst,) hätte mich ohne diese Porki-Witz-Rechtfertigung als Hipster verschrien, oder mir unterstellt, dass ich all das gar nicht so meine, sondern mich nur inszenieren will, als intellektuell, oder gebildet, dass alles eine Fassade sei.
Seit dem 11.10.2021 trage ich dieses Laster nicht mehr mit mir herum. Seit dem 11.10.2021 bin ich Student im Fach Architektur. Jetzt ist es nicht mehr Inszenierung, weil ich Architektur studiere. Verliert sich der Architekt im Künstlerischen ist es nicht pretentious oder hipstermäßig, sondern eine Tugend, im schlimmsten Fall ist man künstlerisch-intellektuelle Elite im Elfenbeinturm. Die Elbphilharmonie war mit explodierenden Kosten und nicht enden wollenden Verzögerungen Gespött der Nation, bis sie es nicht mehr war und zum spektakulären Monument wurde. Der Name „Herzog & de Meuron“ ist dabei kaum negativ im kollektiven Gedächtnis hängen geblieben.
Die Wurstfabriken, die große Architekturbüros heute sind, gibt es in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit nicht. Es gibt es nur den selbstständigen Architekten, der von der ersten Bleistiftskizze bis zur Schlüsselübergabe alles übernimmt. Technisch-Rationales und Künstlerisch-Intellektuelles vereint in Universalgelehrten, die alles können, tun und machen. „Man“ respektiert Architekten, demnach auch Architekturstudenten. Dieser Blog und der überwiegende Großteil meiner Interessen und Hobbys sind auf einen Schlag Tugend geworden.
Ich habe auch das Gefühl, endlich eine Antwort darauf zu haben, wer ich bin, oder zumindest, wer ich einmal sein könnte.
Den Großteil meines Lebens hab ich keine Vorstellung davon gehabt, was ich einmal werden möchte. Der dominierende Gedanke war lange: „reich müsste man sein“, ein plötzlicher Geldsegen, ohne Widerstand, ohne Arbeit, ohne Ziel, außer blinden Hedonismus; Die Deus Ex Machina, die einen aus dem schweren Prozess der Selbstfindung befreit. Jetzt fühlt es sich an, als wären bewusstes Denken und Intuition sich endlich Mal einig. Ich liebe die Architektur und das worauf es mir dabei ankommt, der kreative Schaffensprozess, das wofür Architekten ihr hohes soziales Prestige genießen, gelingt mir überdurchschnittlich gut. Die Mutter aller Künste scheint mir wohlgesonnen.
Meine ursprüngliche Idee Medienwissenschaften zu studieren war genau so hinfällig, wie die Sache mit dem reich werden. Das Bild, was mir vor Augen schwebte war ein Studium, was nicht zu anspruchsvoll ist, in einem Bereich, für den ich mich interessiere, um später einen Beruf zu finden, der nicht zu anstrengend ist und in dem man mich in Ruhe lässt. Ein großer Haken: Alles was mit Werbung, PR und Öffentlichkeitsarbeit zu tun hat, widerstrebt mir im Grunde genommen zutiefst. In meinen Augen ist ein anderes Wort dafür „Massenmanipulation“. Der in meinen Augen nach wie vor irrsinnige Numerus Clausus, den die RUB für diesen Studiengang vorsieht, hat mich dazu gezwungen nach anderen Unis und ähnlich geringen Übeln zu suchen. In Marburg wäre mir das gewünschte Studium möglich gewesen, doch Marburg ist Marburg. Wäre es Frankfurt gewesen, in der Stadt des engsten Freundes, oder Berlin, was auf mich seit frühester Kindheit eine fast magische Anziehung ausübt.
Die Aussicht Medien, nicht vor der eigenen Haustür, sondern in der nordhessischen Provinz zu studieren, ohne den gewohnten Job und ohne Auto und mit einer vollständig von den Eltern finanzierten Wohnung, umgeben von Verbindungen und Burschenschaften, von Nazis mit Einstecktüchern, die gleichzeitig noch 48er sein wollen und sich freiwillig das Gesicht entstellen, lässt mich doch lieber etwas über den Tellerrand schauen. Geschichte und Politik, aber auch Geografie, Kunstgeschichte, alle möglichen schwächeren und stärkeren Interessen werden in Betracht gezogen. Für alles wird sich an der RUB beworben, doch die Suche führt auch auf die Website der TU-Dortmund.
„Architektur und Städtebau“? So viel ich mich schon mit Architektur in meinem Leben beschäftigt hab, schien mir das doch immer viel zu schwer. Da muss man ja gut in Mathe sein und auch noch Zeichnen können! Zuletzt, als ich die Biografie von Helmut Hentrich gelesen hab, ist mir diese Vorstellung noch durch den Kopf gegangen. Auch mein Lieblingsautor Max Frisch war Architekt. In meiner Kindheit das Spiel mit Lego, Playmo, das hölzerne Fachwerkhausmodell (2006) für die Hausbauepoche in der Schule und das große Referat (die „Vierteljahresarbeit“) über den Florentiner Dom (2009), Minecraft-Gedaddel seit 2010, die Anziehungskraft, die die Gebäude der RUB seit jeher auf mich ausüben und eingie Bücher, die ich über die Jahre verschlungen hab (z. B. RAW CONCRETE über britischen Brutalismus oder Energy and Architecture, beide von Barnabas Calder); rückblickend wirkt es heute alles wie vorbestimmt.
Doch mir scheint es viel zu schwer. Außerdem sagt das Internet, die Bezahlung ist schlecht, die Arbeitszeiten auch. Auf letzteres kriegt man laut kurzer Internetrecherche an der TU auch schon einem Vorgeschmack. Außerdem ist neben einem NC auch ein Eignungstest gefordert, dessen Abgabe außerdem bereits in zwei Wochen fällig ist!
Beinahe ist das Thema abgehakt, doch aus Neugierde öffne ich doch den Eignungstest: „Eine Umfrage von Adolf Loos – das schönste neue Gebäude, das schönste sterbende Gebäude, der schönste Innenraum, der schönste Palast und der schönste Spaziergang“. Jeweils eine DIN-A4-Seite geschrieben mit eigener Schwarz-Weiß-Fotografie.
Hier ist der Tipping-Point erreicht.
Diese Aufgabe fühlt sich nicht unmöglich an, aber anspruchsvoll, intellektuell anspruchsvoll, diese Aufgabe ist nicht voller Gleichungen und Algebra. Diese Aufgabe fühlt sich an, wie extra für mich gestellt. Das ist exakt die Art von Textproduktion, die mir in den letzten Jahren so viel Spaß gemacht hat und dann auch noch über so ein Lieblingsthema!
Das Bewusstsein lehnt die ganze Idee noch kategorisch ab, das Unterbewusstsein, die Intuition schreit jedoch aus vollem Halse „TU ES!“. Erst auf Muttis Ermutigung hin gehe ich den Eignungstest an. Während im Ahrtal die Welt untergeht, bin ich mit Kamera und blindem Vertrauen, dass das Spritzwasserschutz-Rating die teure Elektronik vor der Feuchtigkeit bewahrt, in meinem verregneten Bochum unterwegs.
Jetzt bin ich motiviert und strecke die Fühler aus. Berlin reizt wieder, wie Hentrich vor 100 Jahren, doch dort sind die Aufnahmebedingungen weitaus härter und zeitlich längst nicht mehr zu schaffen. Auch die Hochschule Bochum, in direkter Nachbarschaft zur RUB, bietet das Fach an, doch auch hier sind nicht mehr zu schaffende Leistungen für die Aufnahme zu erbringen.
Dortmund also!

Bewerbungsschreiben in seiner Langform, bevor ich für die Abgabe einiges kürzen musste
Postscriptum:
Diesen Beitrag habe ich drei Wochen nach Beginn meines Studiums begonnen und erst jetzt fertiggestellt, was als Indiz dafür gelten kann, wie anspruchsvoll dieses Studium ist. Es fühlt sich nach wie vor so an, dass ich mit Architektur einen Lebensentwurf gefunden hab, der mich erfüllt. Das Studium ist knüppelschwer und ich hoffe, dass ich die Klausuren in den naturwissenschaftlichen Fächern genauso überleben werde, wie die Entwurfsfächer der vergangenen drei Semester.
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