Das (S)port und (E)rholungs(Z)entrum ist so schön bunt, die Formen und Farben nur so idiotisch, wie es idiotisch ist 2,5 Milionen Liter Wasser zur Erholung auf 28 °C zu heizen; postsachlich, wie ein Spaßbad eben unsachlich ist.

Erholung als vielerorts vergangener Luxus der Moderne. Erholung bräuchte man doch so dringend. Erschöpft ist man – von der scheinbar andauernden Krise, vom Spar- und nicht Sparkurs, vom Krieg in Osteuropa, vom real existierendem Wahnsinn in den Vereinigten Staaten. Wie deprimierend: Die Zeiten sind schlecht, wie auch in den Jahren davor muss der Gürtel jetzt enger geschnallt werden. Ich persönlich bin aber längst so abgestumpft, dass mich die meisten dieser Nachrichten längst nicht mehr so tief berühren, wie es eigentlich angemesser wäre.

Der Landeskonservator und sein Ur-Vorgänger

Optimismus muss man zur Zeit vielleicht eher aus den kleineren Sachen in der Welt schöpfen. Die Liste der Unterschutzstellungen unter dem aktuellen Berliner Landeskonsevator Christoph Rauhut ist so ein Grund zur Freude. Wikipedia listet auf: Teufelsberg, Tegel, ICC und sogar ordentlich Postmoderne: Altstadtplatten, Friedrichsstadtpalast, IBA ’87 und Humboldt-Bibliothek. Ein Millenial mit runder Brille und dem entsprechendem Verständnis für junge Denkmale. Ich möchte skandieren.. ONE OF US, ONE OF US!

hier exemplarisch: IBA-Neu-Prototyp Block 270 und…

DDR-„Altstadtplatte“ Ecke Weinmeisterstraße/Neue Schönhauserdstraße

Aber, da war ja was..

(Berliner Zeitung, 25.09.25)

Ich habe gelernt, dass der Denkmalschutz manchmal feilschen muss und abhängig ist vom politischem Willen der gewählten Entscheidungsträger. Der Denkmalwert vom SEZ ist absolut offensichtlich und jede Diskussion darum doch eigentlich überflüssig. In den Kommentarsektionen von Presseberichten wird diskutiert, teilweise freut man sich über den jetzt absehbaren Abriss.

Ein Verständnis fehlt, dass die Bemühungen von „SEZ für alle“ doch eigentlich in einer Reihe mit den Bemühungen der Bürgerinitiativen der 70er-Jahre gegen den Abriss von Gründerzeitvierteln stehen. Der „schwierige“ Bestand von gestern ist morgen schon begehrenswert. So reimt sich wieder und wieder die Geschichte. Und jetzt kram ich auch noch Schinkel raus! Die preußischen Nationaldenkmale waren „schwierige“ Denkmale. Die Marienburg komplett kaputt, der Kölner Dom nie fertig gebaut. Was beim SEZ zu tun ist, ist ein Witz dagegen. Vielleicht ist die Tragweite vom SEZ nicht ganz so groß, wie die vom Kölner Dom, aber die Lektion der Geschichte ist, dass Streitobjekte doch so oft später die reizvolle, historische Stadtlandschaft ausmachen.

Ich wage es zu mutmaßen, dass ein Christoph Rauhut das SEZ in die Liste aufgenommen hätte, wenn der Denkmalschutz so unabhängig wäre, wie er sein müsste.

Die Ost-West-Keule

(Bundesarchiv, Bild 183-Z0320-406 / Reiche, Hartmut / CC-BY-SA 3.0)

So ein wahnsinniges, farbenfrohes Gebilde, wie ein buntes Plastikspielzeug. So passend auch für das gesellschaftlich bunte Berlin. Erstaunlich, wie so etwas unter den grauen Parteikadern entstanden ist und wie genau diese Genossen zur Eröffnung 1981 breit grinsend durch diese fantastisch postsachlich-dekadenten Hallen geschlendert sind.

aufklappen: originale Bildbeschreibung

ADN-ZB / Reiche / 20.3.81 Berlin: Freizeitzentrum

Das neue Sport – und Erholungszentrum Berlin ist am 20.3.81 eröffnet worden. Es wurde vom Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, Erich Honecker, seiner Bestimmung als Haus sinnvoller Freizeitgestaltung übergeben. Hier beim Rundgang in der Schwimmhalle- das Wellenbad-. Rechts neben E. Honecker Prof. Dr. Ehrhardt Giss
Hinter E. Honecker: Günter Mittag (l.) und Wolfgang Junker (r.).

Selbst wenn die Natriumdampflampen mit ihrem monochromatischen Licht dem SEZ die Farben rauben, die Formen allein sind immer noch spannend. Und auch nicht weniger bunt als die Anzüge vom ZK.

Manchmal stört es mich, dass alle Welt eine Meinung zu Berlin haben muss. Der Berliner Landeskonservator hat als gebürtiger Essner (zumindest offiziell) eine Meinung, die mir nicht gefällt. Als ebenfalls gebürtiger Ruhrpottler und lebenslanger Berlin-Liebhaber, qualifiziere ich mich dann aber auch meine Meinung zu Berlin Stadtangelegenheiten zu haben! So oft geht es aber auch über Stadtangelegenheiten hinaus.

Wenn tatsächlich bald die Abrissbagger wieder anrücken, verliert Berlin einen gebauten Beweis dafür, dass im anderen Deutschland tatsächlich Menschen ihr Leben gelebt haben – trotz Stasi und Stagnation. Als jemand, der die DDR im tiefsten Westen im Geschichtsunterricht kennengelernt hat und eine Faszination für ein absolut farbloses Bild dieses anderen Deutschlands entwickelt hat, muss ich sagen, dass ich sogar als Interessierter dieses Bauwerk dringend nötig hab: Ein kleines Stück gesamtdeutsche politische Bildung, auch damit eines Tages endlich etwas „wieder zusammengewachsen“ und verheilt sein kann.  

bunt ist: rot, blau, orange…

..lila, gelb, grün

SEZ-Fotografien vom 14. & 15. September 2025

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